Abschlussbeitrag des Projekts „Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“

von Dario Treiber, studentische Hilfskraft am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam

Zu Beginn des Projekts „Stumme Zeugnisse 1939“ vor fast genau einem Jahr standen zahlreiche Fragen. Für alle Projektbeteiligten war nicht abzuschätzen, was in den darauffolgenden Monaten passieren würde. Als erstes haben wir einen Sammelaufruf geschrieben und veröffentlicht, um private Zeugnisse vom deutschen Überfall auf Polen zur Verfügung gestellt zu bekommen. Auf verschiedenen Kanälen wurde dieser Aufruf verbreitet, um eine möglichst große Reichweite zu entwickeln. Wir hatten viele Fragen und konnten in keiner Weise abschätzen, wie viel Rücklauf wir auf unseren Sammelaufruf erhalten würden. Nun, ein Jahr später, wissen wir, dass der Sammelaufruf Verbreitung gefunden hat und sehr erfolgreich war. Letztendlich wurden uns weit mehr Fotoalben, Tagebücher, Briefe und weitere Dokumente zur Verfügung gestellt wurden, als wir erwartet hatten.

Mit den eingegangenen Zeugnissen begann für uns Student*innen eine Arbeit, die wir bisher nur aus der Theorie kannten. Wir wussten, was wir beachten müssen, wenn wir mit Originaldokumenten arbeiten, doch hatte niemand von uns bis zu diesem Zeitpunkt so hautnah mit Quellen des Zweiten Weltkrieges gearbeitet. Die uns zur Verfügung gestellten persönlichen Zeugnisse hatten sich bisher im privaten Besitz befunden und wir waren die ersten, die sie zur Darstellung in der Öffentlichkeit aufbereiten konnten. Hiervon ausgenommen waren einige Zeugnisse, die uns von unseren Kooperationspartnern (dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und dem Münchner Stadtmuseum) zur Verfügung gestellt wurden. Ziel des gesamten Projekts war und ist es, diese „stummen Zeugnisse“ zum Sprechen zu bringen, um Geschichten zu erzählen, die noch nicht erzählt wurden und um an das zu erinnern, was niemals in Vergessenheit geraten darf. Den deutschen Überfall auf Polen, das belegen die Quellen zweifelsohne, führte die Wehrmacht mit einer immensen Brutalität durch. Er stellte den Auftakt zum Vernichtungskrieg dar.

Ziele des Praxisprojekts

Bei allen anfänglichen Fragen waren einige Rahmenbedingungen des Projekts von Beginn an klar. Die Eröffnung der Online-Ausstellung würde am 1. September 2019, zum achtzigsten Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen stattfinden. Es handelte sich also um einen Zeitraum von etwa zwei Semestern, in denen sechs Student*innen der Freien Universität mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam zusammenarbeiten würden. Uns Student*innen sollten sowohl inhaltliche Kompetenzen zum deutschen Überfall auf Polen als auch praktische Fertigkeiten im Umgang mit Quellen und deren Aufbereitung vermittelt werden. Deshalb wurde das Projekt über den gesamten Zeitraum von Seminartagen zu Fotoethik, Kuratieren, Bildrechten, Ausstellungstexten und Militärgeschichte begleitet. Dieses Wissen sollte uns dabei helfen, am Ende diese Ausstellung erstellen zu können.

Entscheidung zur Online-Ausstellung

Diese Zeugnisse sollten einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, bevor auch die letzten original erhaltenen Quellen des Überfalls auf Polen verloren gehen oder in Privathaushalten verstauben. Um die Fotografien, Briefe und Tagebucheinträge zu präsentieren und historisch einzuordnen, hielten wir eine Online-Ausstellung für das geeignetste Medium. Sie ist jederzeit und überall abrufbar und gibt uns die Möglichkeit, das gesamte Material zu präsentieren. Die Mehrsprachigkeit der Ausstellung bietet eine Nutzbarkeit auch über deutschsprachige Kontexte hinaus. Die Quellen können in der Online-Ausstellung von den Nutzer*innen auch anders erlebt werden als in einer analogen Ausstellung der Originaldokumente vor Ort: In unserer Ausstellung liegen die Dokumente nicht in einer Vitrine, stattdessen können sie einzeln durchgeblättert werden. Da wir sie hochauflösend eingescannt haben, besteht die Möglichkeit, sich die Bilder durch die Zoom-Funktion ganz genau anzuschauen. Dadurch kommen Details zum Vorschein, die sonst kaum zu erkennen wären.

Leitfragen bei der Auseinandersetzung mit den Quellen

Doch bevor die Konzeption der Ausstellung Gestalt annehmen konnte, standen wir vor einem unübersichtlichen Berg von Quellen. Zunächst mussten sämtliche Zeugnisse gesichtet, digitalisiert, transkribiert und ihre Hintergründe recherchiert werden, bevor wir eine historische Kontextualisierung vornehmen konnten. Dabei begleiteten uns stets viele Fragen:

Welche Motive wurden von den Soldaten fotografiert? Was für Bilder haben die Soldaten in ihre persönlichen Fotoalben eingeklebt? Was haben sie in ihre Tagebücher und an ihre Familien geschrieben? Und was können wir aus diesen Zeugnissen herauslesen?

Auch wichtig war für uns, zu untersuchen, inwieweit sich in den persönlichen Dokumenten NS-Propaganda widerspiegelt. Sind die Soldaten dieser gefolgt? Zudem spielten ethische Fragen für uns eine zentrale Rolle. Wie kann ein angemessener Umgang mit Gewaltdarstellungen und diskriminierenden Motiven gelingen? Sollen Aufnahmen von Leichen unzensiert in der Online-Ausstellung zu sehen sein? Wir entschieden uns dazu, gewalttätige Abbildungen zu zensieren, auf denen Gesichter identifizierbar waren. Alle anderen Bilder, die Gewalthandlungen, Antisemitismus oder Antipolonismus darstellen, zeigen wir in der Hoffnung, dass sie als visueller Beleg der nationalsozialistischen Verbrechen Geschichtsverfälschungen oder -beschönigungen entgegenwirken können. Zudem bemühten wir uns um die Kontextualisierung antisemitischer und antipolnischer Motive und widmeten ihnen eigene Ausstellungsbereiche.

Reges Interesse bei der Präsentation der Online-Ausstellung im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums am 1. September 2019, dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Auf der Bühne links: Dario Treiber mit Kommilitoninnen.

Landschaftsaufnahmen: historisch relevant?

Beim Bearbeiten der Quellen fiel uns auf, dass es immer wiederkehrende Motive gibt. Themen wie Tod oder Verwundung werden besonders in vielen der Tagebücher erwähnt. In den Fotoalben finden sich immer wieder Bilder zerstörter Ortschaften, Aufnahmen von Gefangenen, aber auch viele Landschaftsaufnahmen. Ein Thema, dem in allen Quellen viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist die Verpflegung der Soldaten. Aus allen vorhandenen Motiven haben wir 12 Themen ausgewählt, die wir im Ausstellungsteil unserer Website näher beleuchten. Ausgesucht haben wir diese nicht nur nach Quantität – wie oft kommt das Motiv vor? – sondern nach ihrer historischen Relevanz. In welchen Motiven und Themen spiegelt sich das persönliche Gedankengut der Soldaten wider und inwieweit ist es durch NS-Propaganda beeinflusst? Landschaftsaufnahmen führen wir aus diesem Grund nicht als eigene Kategorie auf, obwohl das Motiv vielfach in den Fotoalben vertreten ist.

Perspektiven des Krieges

Obwohl wir den Anspruch hatten, den Überfall auf Polen multiperspektivisch, also auch aus polnischer Sicht, darzustellen, ist uns dies nicht gelungen. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Leider kam trotz unserer Bemühungen keine Kooperation mit polnischen Medienpartner*innen zustande, die es wahrscheinlicher gemacht hätten, dass der Sammelaufruf auch in Polen Verbreitung findet. Die historische Forschung legt zudem nahe, dass die polnische Bevölkerung 1939 in den meisten Fällen nicht über Fotoapparate verfügte, um visuelle Zeugnisse des deutschen Überfalls zu machen. Im Gegensatz dazu wurden Soldaten der Wehrmacht dazu angehalten, ihren Einsatz zu dokumentieren. Die Aufnahmen jedoch, die uns zur Verfügung gestellt wurden, lassen nicht nur Aussagen über die Dargestellten, sondern auch über die Urheber zu. Bei Darstellungen der Zivilbevölkerung, der flüchtenden Menschen und gefangenen polnischen Soldaten, überwiegt der Blick des Eroberers. Szenen der Demütigung und Herabwürdigung der polnischen Bevölkerung sind vielfach in den Zeugnissen enthalten. Ein kritischer Umgang mit dem Material war daher für uns immer selbstverständlich und sollte auch das Gebot für alle zukünftigen Nutzer*innen unserer Online-Ausstellung sein: Wir möchten die enthaltenen Inhalte historisch aufarbeiten und kontextualisiert zur Verfügung stellen, um einer Reproduktion diskriminierender Inhalte entgegenzuwirken.

Lerneffekte

Für uns als Student*innen bot dieses Projekt einen tiefen Einblick in zahlreiche komplexe Arbeitsbereiche, die mit der Konzeption einer Online-Ausstellung einhergehen. Angefangen bei der Frage, wie man überhaupt an auszustellende Objekte gelangt über die Frage, wie diese digitalisiert werden können bis hin zu den Themenkomplexen rund um die Ausstellung: Welche Motive sind so aussagekräftig, dass sie einen eigenen Ausstellungstext erhalten? Welche Themenbereiche kommen häufig vor und sind so eindrücklich, dass sie historisch eingebettet werden sollten? Damit ist nur ein Bruchteil der Fragen, die wir im Laufe dieses Jahres diskutiert haben, berührt.

Screenshot vom Twitter-Account @stummezeugnisse

Neben der Online-Ausstellung erarbeiteten wir eine Social-Media-Strategie, um zunächst auf unser Vorhaben aufmerksam zu machen. Nachdem die Ausstellung eröffnet wurde, posteten wir jeden Tag ein auf diesen Tag des Überfalls datiertes Zeugnis unserer Sammlung auf Facebook, Twitter und Instagram, um auf unser Projekt hinzuweisen. Leider mussten wir feststellen, dass das anfangs große Interesse recht schnell abnahm.

Auch wenn die Arbeit oft kräftezehrend und aufgrund der Grausamkeit der Motive schwierig und belastend war, haben wir im Rahmen dieses Projekts vielfältige Erfahrungen gesammelt und einen fundierten Einblick in die Tätigkeitsfelder von Gedenkstätten und Museen erhalten. Als Student*innen waren wir an fast jedem Arbeitsschritt beteiligt, auch wenn wir das Ergebnis selbstverständlich niemals allein hätten bewerkstelligen können. Wir hoffen, mit dieser Ausstellung den deutschen Überfall auf Polen weiter in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und wünschen uns, dass das Material als Anregung dient, weiter zu recherchieren, zu forschen und gemeinsam in einen Dialog über die deutsch-polnische Geschichte zu treten. Wir hoffen außerdem, dass das Produkt unserer Arbeit zur Realisierung weiterer Projekte anregt, denn es gibt noch zahlreiche Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs, deren Schweigen es zu brechen gilt.

[veröffentlicht am 31.10.19]

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