„Bei Fotoausstellungen zur Judenverfolgung ist der Kontext entscheidend“

Dr. Christoph Kreutzmüller beim Symposium „Die Kamera als Zeugin: Fotografie und Erinnerung“, Amsterdam, 17.04.19, 2. von rechts, zusammen mit Dr. Annette Vowinckel (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, rechts) und Prof. Dr. Frank van Vree (Direktor des NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, 2. von links)

von Marja Verburg, Redakteurin „Duitslandweb“ beim Duitsland Instituut Amsterdam (Übersetzung: Eike Stegen, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz)

Die Ausstellung „Die Judenverfolgung auf Fotografien. Die Niederlande 1940-1945“ des Nationalen Holocaust-Museums in Amsterdam wurde kontrovers diskutiert: Das Museum beschloss, keine grausamen Fotos aus Auschwitz zu zeigen. Nicht alle waren damit einverstanden. Im April besuchte der deutsche Historiker Christoph Kreutzmüller die Ausstellung. „Sei vorsichtig mit dem, was du zeigst. Das Zeigen solcher Fotos kann auch Blockaden erzeugen.“

„Die Bildunterschriften sind kurz genug. Das sage ich als Deutscher.“ Christoph Kreutzmüller lacht. Er sitzt in der Sonne im Innenhof des Nationalen Holocaust-Museums in Amsterdam und spricht über seine Eindrücke von der Ausstellung über die Judenverfolgung in den Niederlanden, die er gerade besucht hat. „Die Deutschen fügen dem, was sie zeigen, immer viel Text hinzu. Hier in Amsterdam ist das sehr gut durchdacht und gut gemacht“, fährt er ernster fort.

Am Vortag, auf dem Symposium „Die Kamera als Zeugin: Fotografie und Erinnerung„, argumentierte Kreutzmüller, wie wichtig es sei, einem Foto so viel Kontext wie möglich zu geben, zum Beispiel durch Bildunterschriften. Organisiert wurde das Symposium vom NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, dem Joods Cultureel Kwartier (Jüdisches Kulturelles Viertel), dem Duitsland Instituut und dem Goethe-Institut.

Während des Symposiums wird auch über die Kontroverse gesprochen, keine grausamen Fotos zu zeigen. In Bezug auf Auschwitz geht es dabei um vier Bilder, die ein Gefangener heimlich gemacht hat. Ein Foto zeigt unbekleidete Frauen auf dem Weg in die Gaskammer, ein anderes zeigt die Verbrennung übereinander geschichteter Leichen. Ein Mitarbeiter des Joods Cultureel Kwartier, zu dem auch das im Aufbau befindliche Nationale Holocaust-Museum gehört, erklärt, dass sie selbst noch immer die Auswirkungen der Präsentation solcher Bilder auf die Besucherinnen und Besucher untersuchen. Solange diese Forschung läuft, zeigt das Museum die betreffenden Fotos nicht. Die Fotos werden jedoch gezeigt, wenn die Ausstellung im Herbst 2019 in der Topographie des Terrors gezeigt wird, dem Nazi-Dokumentationszentrum in Berlin.

Die Meinungen darüber, was Museen, aber auch (Nachrichten-)Medien und Bildungseinrichtungen an Grauen auf Fotos zeigen sollten, sind geteilt. Es ist passiert, also muss man es zeigen, so einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums. Sofort wird hinzugefügt, dass man natürlich ethische Aspekte, die Würde der Opfer, berücksichtigen muss. Kreutzmüller hinterfragt das Bestreben, solche erschreckenden Bilder zu zeigen. Ihr abstoßender Charakter kann der Empathie im Wege stehen. „Sei vorsichtig mit dem, was du zeigst. Das Zeigen solcher Fotos kann auch Blockaden erzeugen.“

Aber welche Bilder auch gezeigt werden: Man muss ihnen einen Kontext geben, sagen die Expertinnen und Experten. Das geschieht noch viel zu wenig, finden sie. Wer hat das Foto gemacht? Zu welchem Zweck? Wer hat das Foto verbreitet? Warum und in welchem Zusammenhang? Viele Fotos vom Holocaust und anderen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs wurden von Nazis aufgenommen und zeigen so die Perspektive der Täter. Andere wurden von den Alliierten gemacht, zum Beispiel bei der Befreiung der Lager, und dabei teilweise inszeniert. Dies konnte so weit gehen, dass für ein Foto Leichenstapel erneut aufgeschichtet wurden.

Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, was sie sehen, sagt Kreutzmüller. „Man muss Biographien von Bildern machen.“ Auf dem Symposium zeigt er drei Fotos aus der Ausstellung, die Jüdinnen und Juden zeigen, die sich im Mai 1943 auf dem Polderweg in Amsterdam zum Transport melden. Sie werden zum Bahnhof Muiderpoort und von dort mit dem Zug nach Westerbork gebracht. Die Fotos zeigen Mitarbeiter des Jüdischen Rates, die Essen verteilen; Kinder mit Spielzeug; Soldaten sind nicht zu sehen.

Die Fotos zeigen die offizielle Perspektive des Besatzers, erklärt Kreutzmüller. Sie wurden in der niederländischen SS-Zeitung „Storm“ (dt. Sturm) gedruckt. Und das ist einzigartig, sagt der deutsche Historiker. „In anderen Ländern wurden solche Fotos auch gemacht, aber nie veröffentlicht.“ Es zeigt unter anderem, was die Leute wissen konnten, sagt er. Kreutzmüller kann nicht mit Sicherheit zu sagen, warum „Storm“ die Fotos gedruckt hat. Zuvor hatte die Zeitung angekündigt, dass 1943 alle Juden aus den Niederlanden deportiert würden. Vielleicht wollte die SS zeigen, dass sie das nun umsetzte?

In Bezug auf die Ausstellung weist Kreutzmüller auf ein Foto einer Razzia in Amsterdam am 26. Mai 1943 hin, das von einem nichtjüdischen Niederländer aus seinem Fenster auf der anderen Straßenseite aufgenommen wurde. „Die Fotos vom ‚Storm‘ zeigen keine Gewalt. Hier gibt es hingegen viel Gewalt zu sehen“, sagt er. Das Foto zeigt schwer bewaffnete deutsche Polizisten oder SS-Männer, die die Straße absperren. Kreutzmüller zählt mindestens 20. Sie dringen in mehrere Häuser ein, auch Männern in Zivil sind dabei. Auf der Straße steht eine Gruppe von etwa 15 verhafteten Jüdinnen und Juden, mit ihrem Gepäck. „Sie hatten wahrscheinlich kurz die Gelegenheit, etwas zu packen.“ Kreutzmüller fragt sich beim Betrachten des Fotos, welche Häuser durchsucht werden. „Alle? Oder bestimmte? Woher wissen sie, wo Jüdinnen und Juden sind? Es sieht systematisch aus. Sie gehen nicht ins Lagerhaus.“

Trotz der Tatsache, dass das Nationale Holocaust-Museum keine Gräueltaten zeigen will, hat es ein Foto in seiner Sammlung, das Leichen in einem Konzentrationslager zeigt. Das Foto befindet sich im inneren Kreis der Ausstellung, wo es um die Vernichtung der Jüdinnen und Juden geht. Im Zentrum steht ein 7-jähriger Junge, der kurz nach der Befreiung einen Weg entlang läuft, neben dem Leichen liegen. Laut Bildunterschrift trägt er neue Kleidung. „Unter den Fotos, die Gräuel zeigen, ist es eines der weniger verstörenden“, sagt Kreutzmüller. „Es geht um den Überlebenden und nicht um die Leichen. Sie werden im Text nicht erwähnt. Das funktioniert hier gut.“

Dr. Christoph Kreutzmüller ist Historiker und arbeitet in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem zur Analyse von Fotos als historische Quellen.

Die Ausstellung „Die Judenverfolgung auf Fotografien. Niederlande 1940-1945“ ist bis zum 6. Oktober 2019 im Nationalen Holocaust-Museum in Amsterdam zu sehen. Die Ausstellung wird danach an der Topographie des Terrors in Berlin gezeigt. Von der Judenverfolgung in den Niederlanden sind viele Fotografien erhalten geblieben. Dem Museum zufolge unterscheiden sich die Niederlande damit von anderen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Mehr über die Ausstellung.

[veröffentlicht am 25.05.19. Zuerst veröffentlicht auf der Website vom Duitsland Instituut Amsterdam am 02.05.19. Wir bedanken uns bei Marja Verburg für die freundliche Erlaubnis, den Text in deutscher Übersetzung auch auf unserem Blog zu publizieren.]

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