Heraus zum Europafest auf der Hardenbergstraße!

von Eike Stegen, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

Am 11. Mai 2019 lädt der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ein, entlang der Hardenbergstraße vom Amerika-Haus bis zum Steinplatz Europa zu feiern. „Mit einem großen Info-Markt“, so schreibt der Bezirk, „vielfältigem Bühnenprogramm und zahlreichen Mitmachaktionen möchten wir Sie rund um die Europawahl am 26. Mai informieren und die Vielfalt Europas präsentieren.“

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz wird gemeinsam mit dem Schiller-Gymnasium und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste auf dem Steinplatz mit einem Stand dabei sein. In den kommenden Wochen werden wir auf unserer Website, auf Facebook und Twitter über unsere Planungen für den Tag berichten.

Ein Programmpunkt steht bereits fest: eine historisch-interkulturelle Stadtführung auf genau jenem Teil der Hardenbergstraße, entlang der das Europafest veranstaltet werden wird. Hier verdichten sich auf verblüffende Weise mehrere Geschichten von Flucht, Exil und Völkermord. Geschichten, die von gewaltbelasteten europäischen Beziehungen berichten, von armenischer, deutscher, jüdischer, türkischer Vergangenheit und Gegenwart.

In der Hardenbergstraße wohnte Talaat Pascha, hier wurde er, an der Ecke zur Fasanenstraße, 1921 erschossen. In der Hardenbergstraße wohnte auch sein Attentäter, Soghomon Tehlirian, und beobachtete den ehemaligen Innenminister und Großwesir, den Hauptverantwortlichen für den 1915 beginnenden Armeniergenozid. Die Hardenbergstraße erzählt auch die Geschichte der Involvierung des Deutschen Reiches, denn Talaat Pascha hatte es ja nicht zufällig in die Hardenbergstraße verschlagen. Alte Loyalitäten zum Bündnispartner des Ersten Weltkrieges hinterließen hier ihre Spuren.

Raphael Lemkin, 1948 Vater der Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen, verfolgte 1921 als Student in Lemberg den Prozess im fernen Berlin. Lemkin beobachtete 1921, dass zwar einem Attentäter wie Tehlirian sofort der Prozess gemacht werden konnte, aber die Taten eines Talaat Pascha schwer juristisch zu verfolgen sind. In der Auseinandersetzung mit der Deportation und Ermordung der Armenier entwickelte er die Definition eines Verbrechensbegriffs: Genozid. Die Öffentlichkeitswirksamkeit des so genannten Talaat-Pascha-Prozesses gegen Tehlirian, so bekundet Lemkin später, ist es also mit geschuldet, dass des den Begriff „Genozid“ heute gibt.

In seinem Buch „Rückkehr nach Lemberg“ stellte der Autor Philippe Sands (m., mit Katja Riemann und Dr. Hans-Christian Jasch) im Februar 2018 im Konferenzsaal auch die Biografie Lemkins vor. Foto: Archiv GHWK

Die Hardenbergstraße erzählt zwei weitere Geschichten von Flucht und Asyl. In der Hardenbergstraße markiert eine Gedenktafel den ersten Wohnort des späteren Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter nach seiner Rückkehr aus der Türkei. In der Türkei hatte er als von den Nationalsozialisten verfolgter Sozialdemokrat Zuflucht gefunden. Keine Zuflucht fand dagegen der türkische Flüchtling Cemal Kemal Altun in Berlin. Sein Asylverfahren wurde 1983 im Oberverwaltungsgericht, damals in der Hardenbergstraße gelegen, verhandelt. Seine Abschiebung in die Hände des türkischen Militärregimes drohte. Aus Verzweiflung stürzte er sich in einer Verhandlungspause aus dem sechsten Stock des Gebäudes in den Tod.

Verlässt man die Hardenbergstraße und geht einen Block weiter in Richtung Kantstraße, steht man vor dem Wohnhaus einer jüdischen Familie, an die so genannte Stolpersteine erinnern. Die Familie wurde im Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Es war eine türkisch-jüdische Familie. Nissim Behar verließ 1915 Istanbul in Richtung Berlin. Das war kein Zufall. Die minderheitenfeindliche Politik der jungtürkischen Regierung mündete zu diesem Zeitpunkt in den Genozid an den Armeniern. Viele nichtmuslimische Minderheiten verließen die Stadt.

Drei Kinder wurden geboren, das jüngste, Isaak Behar, 1923 in Berlin. Als türkische Staatsbürger waren die Behars vor den antijüdischen Maßnahmen teilweise geschützt. Den Schutz verloren sie, als 1939 ihre Pässe von der türkischen Botschaft nicht verlängert wurden, aus vermeintlich mangelndem Bezug zum Türkentum. 1941 wurden sie zu staatenlosen Juden gestempelt. Den Deportationen waren sie nun schutzlos ausgeliefert. Nur Isaak Behar überlebte im Versteck. Es wäre der türkischen Regierung ein Leichtes gewesen, den Behars die rettende türkische Staatsbürgerschaft zu bestätigen. Sie bekundete aber ihr Desinteresse.

Unser historisch-interkultureller Dokumentenkoffer „Geschichte(n) teilen“ berichtet unter anderem von Isaak Behar.

Viele weitere Orte werden am Samstag, 11. Mai 2019, vorgestellt – alle sind herzlich (und ganz kostenfrei) Willkommen. Zusammen mit dem Schiller-Gymnasium und jungen Leuten von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste wollen wir auch versuchen, den Worten von Simone Veil gerecht zu werden. Simone Veil, Auschwitz-Überlebende, in Bergen-Belsen befreit, war Präsidentin des Europaparlaments. Sie sagte vor 15 Jahren, im Bundestag anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus:

Simone Veil im Europaparlament 1979. Foto von Claude Truong-Ngoc / cc-by-sa-3.0

„Die Jugend von heute, offener gegenüber der ganzen Welt, solidarischer mit denen, deren Rechte missachtet werden, und um die Gräueltaten der Vergangenheit wissend, wird die Lehren aus Auschwitz ziehen, dessen bin ich mir sicher. Ich vertraue ihr.

Heute wende ich mich mit folgenden Worten an Sie als junge Deutsche, als junge Europäer: Vergessen Sie nicht die Vergangenheit! Es ist nun an Ihnen, Europa zu gestalten, ein Europa der Bürgerfreiheiten, das für Frieden und die Achtung der Menschenwürde eintritt.“

[veröffentlicht am 31.03.19]

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