Lesung aus Verbrannten Büchern II

von Eike Stegen, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Am 7. Mai fand in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz auf Initiative von Monika Sommerer, der Leiterin unserer Joseph Wulf Mediothek, und Dr. Ruth Preusse, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bildungsabteilung, zum zweiten Mal eine Lesung aus verbrannten Büchern statt. Beide Veranstaltungen (2018 und 2019) erinnerten an das Unrecht und die kulturelle Barbarei der nationalsozialistischen Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 und wollten die so zerstörte Literatur und die Biografien der verfolgten Autorinnen und Autoren würdigen.

Monika Sommerer eröffnet die Lesung.

Dieses Jahr gab es ein weiteres Anliegen: Es wurde an die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren gedacht, und um es gebührend zu feiern, wurde diesmal aus Büchern von verfolgten Frauen gelesen – und zwar von Frauen, von Schriftstellerinnen und Verlegerinnen. Im Folgenden sollen kurz die ausgewählten Autorinnen und die Werke dokumentiert werden, zum Nachlesen, auch in unserer Mediothek.

Den Anfang macht Schriftstellerin Ursula Krechel. Sie liest aus dem Buch „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von Gabriele Tergit. Gabriele Tergit kann über Prag und Palästina nach London fliehen und überlebt im Exil.

Verlegerin Britta Jürgs (AvivA Verlag) trägt aus „Hotel Amerika“ von Maria Leitner vor, die nach 1933 illegal in Deutschland lebt. Sie flieht über Prag nach Paris. 1940 kann sie sich aus der Internierung im südfranzösischen Lager Gurs befreien. Zu Tode gehetzt stirbt sie 1942 in Marseille.

Die jüngst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Autorin Anke Stelling stellt Vicki (Vicky) Baum und ihren Roman „stud. chem. Helene Willfüer“ vor. Vertrieben und ausgebürgert nimmt Vicki Baum die US-Staatsbürgerschaft an. Nach Deutschland oder Österreich kehrt sie nie zurück.

Verlegerin Nora Pester vom Verlag Hentrich&Hentrich stellt eine Rede Clara Zetkins vor, in der sie vor 120 Jahren vor 2.000 Studierenden das „Vollmenschentum“ für Frauen fordert (und für Männer auch). Dazu zählten für sie freie Berufstätigkeit und politische Gleichberechtigung.

„Morgen um neun“ (1932), ein Buch von Gina Kaus, wird amüsant gelesen von Autorin Hanna Lemke. Gina Kaus kann sich kurz vor der deutschen Annexion Österreichs noch retten und flieht am 14. März 1938 über die Schweiz, Paris und Südfrankreich in die USA.

Monika Sommerer und Dr. Ruth Preusse freuten sich über den guten Zuspruch für die Lesung. Es gab weit mehr Nachfrage als das Haus mit 70 Stühlen bedienen konnte –ein neues Seminarhaus im Garten, mit 150 Plätzen, würde im kommenden Jahr der „Lesung aus Verbrannten Büchern III“ vielleicht gute Dienste erweisen, wenn der Spatenstich denn bald erfolgt. Wir danken den Leserinnen für ihre engagierte Mitwirkung, dem Buchladen zur schwankenden Weltkugel für den Büchertisch (Foto oben) und der Berliner Landeszentrale für politische Bildung für die erneute großzügige Förderung.

Nachtrag: 14 Tage nach unserer Lesung, am 22. Mai 2019, stirbt die Schriftstellerin Judith Kerr. Im Exil in Zürich, sie ist fast zehn Jahre alt, hört sie von der Verbrennung der Bücher ihres Vaters, Alfred. Davon schreibt sie in ihrem berühmten autobiografischen Jugendbuch: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Auch ihr Werk (und das ihres Vaters und ihres Bruders) legt in unserer Joseph Wulf Mediothek heute und in Zukunft ein wichtiges Zeugnis von der Vergangenheit ab.


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