Nachwort zu der Graphic Novel „Wannsee“

Kürzlich erschien die deutsche Übersetzung der Graphic Novel „Wannsee“ von Fabrice Le Hénanff im Knesebeck Verlag. Wir dokumentieren an dieser Stelle das Nachwort

von Dr. Hans-Christian Jasch, Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Fabrice Le Hénanff hat eine meisterhaft gezeichnete Graphic Novel zur Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 in Berlin vorgelegt. Dieses Ereignis gilt heute als eines der Schlüsselereignisse des Holocaust an den Juden Europas. In der bürgerlichen Atmosphäre einer Berliner Unternehmervilla berieten SS- und Polizei sowie Angehörige der NS-Verwaltung an einem kalten Januarmittag über die beschönigend „Endlösung“ genannte Ermordung der Juden Europas.

Anders als andere Graphic Novels zum Holocaust, die die Perspektive der Verfolgten in den Vordergrund stellen (Art Spiegelmans „Maus“ oder Yossel von Joe Kubert), stehen hier die Täter und ihr verbrecherisches Treiben im Vordergrund. Das Verbrechen in Wannsee ist ein eher abstraktes Organisationsverbrechen. Die Täter, die der Zeichner meisterhaft den wenigen übermittelten Portraitfotos der 15 Teilnehmer der Wannsee-Konferenz nachempfindet, sind mit wenigen Ausnahmen keine Männer, die im Osten selber unmittelbar vor Ort mitmorden. Die meisten sind sogenannte Schreibtischtäter, die in der Stille ihrer Berliner Amtsstuben und auf zahlreichen Dienstreisen ins besetzte Europa die nationalsozialistische Dystopie einer rassischen „Neuen Ordnung“ in Europa mitgestalteten.

Graphisch orientiert sich die Graphic novel an dem britisch-amerikanischen Film Conspiracy aus dem Jahr 2001 (Drehbuch Loring Mandel, Regie Frank Pierson). Hier verkörperte der Shakespearedarsteller Kenneth Branagh (Heinrich V.), den Gastgeber der „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Reichsprotektor für Böhmen und Mähren und einer der Planer für den Genozid an Europas Juden. Er fliegt eingangs mit einem Fieseler Storch über das Haus, streift sein Pilotenoutfit ab und lässt sich dann zur Villa Am Großen Wannsee 56-58 fahren. Der parkähnliche Garten des Hauses ist tief verschneit. Tatsächlich wissen wir aus den meteorologischen Aufzeichnungen, dass der 20. Januar 1942 ausgesprochen kalt war. Natürlich sind dies Bilder, die sich anschaulich graphisch übersetzen lassen. Dies wird bei den bürokratischen Inhalten der Konferenz, von denen das im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes überlieferte Protokoll zeugt, schon etwas schwieriger. Dies hatte aber schon Mitte der 1980 Jahre Paul Mommertz nicht abgehalten, ein Drehbuch für einen ersten Film zu schreiben, der 1984 mit Dietrich Mattausch als Reinhard Heydrich verfilmt wurde. Regisseur Heinz Schirk blieb strenger als Pierson bei den Inhalten, die sich dem Besprechungsprotokoll entnehmen lassen, wobei auch hier schon Phantasie gefragt war, da es kein Wortprotokoll der Konferenz gibt.

Seite 15 aus der besprochenen Graphic Novel „Wannsee“

Die Graphic novel ermöglicht Exkurse, die in den Filmen aufs Erzählerische beschränkt sind und interessante Kontraste zu den Besprechungsinhalten der Wannsee-Konferenz bieten: so etwa Bilder zu Babi Jar, einem der größten Massaker, die im Herbst 1941 im besetzten Kiev verübt wurde, oder als Parallelszene das Schicksal einer Maus, die von einer Katze gefangen wird und deren Schicksal – vielleicht als Hommage an Art Spiegelman – drastisch im letzten Bild das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Europas symbolisiert.

Im Folgenden soll die Konferenz kurz skizziert werden, um den historischen Rahmen der Graphic Novel deutlich zu machen.

Das Ereignis

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz erinnert heute an einen eher abstrakten und relativ kurzen historischen Moment: eine ca. 90-minütige Arbeitsbesprechung mit anschließendem Frühstück, welche daher mutmaßlich im Speisesaal des Hauses stattfand. An der Konferenz nahmen auf Einladung von Reinhard Heydrich insgesamt fünfzehn hochrangige Polizei- und Ministerialbeamte teil, die über einen einzigen Tagesordnungspunkt, die so genannte Endlösung der Judenfrage, berieten.

Der Umstand, dass eine Ausfertigung von ehemals 30 Ausfertigungen des von Eichmann verfassten Protokolls im Frühjahr 1947 in den Beständen des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes aufgefunden wurde, führte dazu, dass die seinerzeitige US-Strafverfolgungsbehörde die Konferenz als eine „Verschwörung zum Völkermord“ beurteilten. Prozesstaktische Erwägungen der Anklagebehörde korrelierten hierbei mit dem Wunsch, die Konferenz zum Ort und Zeitpunkt der Entscheidung über den organisierten gewaltsamen Tod von Millionen Menschen in großen Teilen Europas zu machen. Dies geschah in starker Verkürzung der sehr viel komplexeren Entscheidungsprozesse, die die Planung und Organisation des Massenmordes an den europäischen Juden begleiteten. So geht heute die Geschichtswissenschaft davon aus, dass in Wannsee gar keine Entscheidung mehr über das „Ob“ des Völkermordes getroffen, sondern nur noch über das „Wie“, d.h. dessen Umsetzung, gesprochen wurde. Im Zentrum dieser dennoch unglaublichen Sitzung standen Beratungen über administrative Fragen, insbesondere die geographische Festlegung und die juristische Definition und Eingrenzung des Personenkreises, der als Juden deportiert und ermordet werden sollte. Die Wannsee-Konferenz steht somit exemplarisch für den einerseits kaum vorstellbaren, andererseits banalen behördlichen Abstimmungsprozess, der den arbeitsteiligen, staatlich organisierten und verwaltungsmäßig durchgeführten Genozid an den europäischen Juden begleitete.

Über die Opfer – die Juden Europas – wurde in Wannsee von einer Reihe überwiegend uniformierter Männer nur in Form abstrakter Zahlen und Kategorien „verfügt“. Dies geschah in der gediegenen Atmosphäre einer bürgerlichen Villa und im Wege einer hochrangig besetzten Dienstbesprechung. Inhaltlich hat sich die Wannsee-Konferenz wahrscheinlich jedoch wenig von anderen Besprechungen unterschieden, die zu diesem Zeitpunkt in den Ministerien der Wilhelmstraße stattfanden und auf denen im Namen der menschenverachtenden NS-Ideologie über Menschen verfügt wurde, die als Gegnergruppen oder als rassisch oder eugenisch minderwertig betrachtet wurden; nur selten sind uns hierfür jedoch so eindrückliche Dokumente wie das Protokoll der Konferenz übermittelt. Selten wird auch so deutlich, wie sehr die Verfolgungs- und Mordpolitik ein arbeitsteiliger Verwaltungsvorgang war, der sogar rechtlich flankiert wurde – etwa durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941, die den exilierten oder deportierten Juden ihre Staatsangehörigkeit und ihre Vermögensrechte aberkannte, sie also einen bürgerlichen Tod sterben ließ bevor man sie ermordete. Hierdurch wurden „Kollateralschäden“ für die Mehrheitsgesellschaft abgefedert, nicht erfüllte Schuldverhältnisse bereinigt und damit abschließende „Verfügungen“ über Menschen getroffen.

Die Arbeitsteiligkeit des Mordgeschehens und der spezifische, bürokratische Charakter des Völkermordes an den Juden und die Rolle staatlicher Verwaltung bei der Definition, Entrechtung, Deportation und schließlich der Ermordung von Menschen und der Verwertung ihrer Besitztümer, wird an der Geschichte der Wannsee-Konferenz und in der Graphic Novel besonders deutlich. Die Wannsee-Konferenz steht hierbei nicht nur für einen Entscheidungs- und Abstimmungsprozess in einem gestuften Gefüge administrativer Arbeitsteiligkeit, der auch heute noch für moderne Verwaltungsorganisationen typisch ist – mit dem entscheidenden Unterschied, dass seinerzeit über millionenfachen Mord beraten wurde, was in einer institutionell gefestigten, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft nicht mehr möglich erscheint.

Seite 26 der besprochenen Graphic Novel „Wannsee“

Die versachlichende und stellenweise euphemisierende Sprache der Dokumente, die den Völkermord administrativ kommunizierbar und damit für die Verwaltung „handhabbar“ machte, ist nicht zuletzt dem juristisch gebildeten Zeitgenossen auch heute nicht fremd. Die Rekonstruktion der hier zutage tretenden umfassenden und arbeitsteiligen Partizipation einer zwar nicht mehr rechtsstaatlich, aber überwiegend doch normgesteuerten Verwaltung unter Verwendung typischer und zeitloser Verwaltungstechniken an staatlich sanktionierten Verbrechen und die Reduktion dieser Prozesse auf die Rolle einzelner Akteure innerhalb des administrativen Gefüges, ermöglicht es auch heute noch, uns über Handlungsabläufe und -spielräume der Beteiligten bewußt zu werden. Diese Graphic Novel kann solche individuellen Zugänge für den Einzelnen ermöglichen und zum Nachdenken anregen.

Zur Wannsee-Konferenz.:

  • Hans-Christian Jasch/Christoph Kreutzmüller, Die Teilnehmer. Die Männer der Wannsee-Konferenz, Berlin 2017; engl.: The participants. The Men of the Wannsee Conference, New York/Oxford (Berghahn), 2017;
  • Norbert Kampe/Peter Klein (Hg.), Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Köln/Weimar/Wien 2013;
  • Mark Rosemann, The Villa, The Lake, The Meeting. Wannsee and the Final Solution, 2002;
  • Peter Longerich, Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942: Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden, 1998.
[veröffentlicht am 30.09.2019]


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