Praxisprojekt „Stumme Zeugnisse 1939“ – Die Recherche ist in vollem Gange: Exkursion zum Militärhistorischen Museum Dresden

 

Von Michaela Hofmann und Dario Treiber (FU Berlin, Masterstudiengang Public History)

Am 21. Januar 2019 fuhren wir, sechs Studierende des Masterstudiengangs Public History an der Freien Universität Berlin, zusammen mit Dr. Hans-Christian Jasch, Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHWK), Svea Hammerle (wissenschaftliche Volontärin) Alexander Kliymuk (freier Mitarbeiter) und Dr. Irmgard Zündorf vom Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, ins Militärhistorische Museum der Bundeswehr nach Dresden.

Nach unserer Ankunft erläuterte uns Dr. Alexander Klein die Geschichte des Hauses und seinen Aufbau. Das Gebäude, das ursprünglich als Waffenarsenal errichtet wurde, wird seit Ende des 19. Jahrhunderts als Museum genutzt. Seit dem Umbau nach Plänen des Architekten Daniel Libeskind prägt seit 2011 ein Keil, der durch das Haus verläuft, die Architektur des Museums und unterteilt es in einen Alt- sowie einen Neubau. Im Altbau wird chronologisch ab dem 14. Jahrhundert nach Ursachen und Folgen von Krieg und Gewalt gefragt. Der Neubau präsentiert verschiedene Querschnittsthemen, wie zum Beispiel „Tiere und Militär“ oder „Politik und Gewalt“. Das Museum bietet je nach Interesse, Vorkenntnissen und Zeit die Möglichkeit, sich anhand einzelner Installationen einen schnellen Überblick zu verschaffen oder in sogenannten Vertiefungsschleifen näher auf einzelne Themen einzugehen.

Dr. Klein erklärte uns anhand der von Goebbels propagandistisch als „Vergeltungswaffe 2“ bezeichneten Aggregat-4-Rakete die Absicht des Museums, in der Ausstellung neben den technischen Errungenschaften des Militärs auch auf die zerstörerischen Folgen der Waffen hinzuweisen. Die Rakete galt für die deutsche Armee als große technische Errungenschaft im Zweiten Weltkrieg. Sie wurde aber von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie KZ-Gefangenen produziert und forderte auch bei ihren Abwürfen über London 1944 mehrere tausend Tote. In einem anderen Teil der Ausstellung macht eine akustische Installation erfahrbar, wie eine mittelalterliche Schlacht vermutlich geklungen haben könnte. Schon von hunderten von Metern soll man das Klirren von Metall und das Brüllen der Kämpfer gehört haben. Das erste Querschnittsthema, das wir uns anschauten, war „Tiere und Militär“. Es zeigt auf einer Art „Catwalk“ verschiedene Tiere, die Menschen seit der Antike auf unterschiedliche, zum Teil grausame Weise, im Krieg nutzten und ausnutzen. Neben Pferden und Elefanten sind auch Katzen, Schafe, Wildschweine, Gänse und sogar Delfine als Nutztiere, zum Aufspüren von Minen sowie als Wachen, eingesetzt worden. Immer wieder sind die Kuratorinnen und Kuratoren sowie die Museumsführerinnen und Museumsführer damit konfrontiert, dass sich der Schrecken des Krieges einerseits nicht adäquat darstellen lässt und andererseits gerade Jugendliche zu faszinieren scheint. Mit Hinweisen auf die zerstörerischen Folgen von Kriegen soll diese Faszination gebrochen werden – zum Beispiel durch Fotografien von Kriegsverbrechen oder Installationen wie „Wie riecht der Krieg?“: Darin steigt den Besuchenden der künstlich generierte feucht-faulige Graben- und Verwesungsgeruch des Ersten Weltkrieges entgegen.

Ein Teil der Dauerausstellung beschäftigt sich mit dem deutschen Überfall aufPolen 1939

Jens Wehner, Kurator des Abschnitts über den Zweiten Weltkrieg, führte uns durch diesen Teil der Ausstellung. Unserem Projekt „Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“ entsprechend, lag der Schwerpunkt des Gesprächs auf der visuellen Darstellung vom Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ein besonderer Fokus lag hierbei auf den ausgestellten Fotos. Herr Wehner zeigte uns Aufnahmen von Wieluń, der ersten Stadt, die von der deutschen Luftwaffe am 1. September 1939 bombardiert wurde. Auch eine stark beschädigte Torah-Rolle aus der örtlichen Synagoge ist zu sehen. Sie dient als Symbol für das erste jüdische Kulturgut, das im Zweiten Weltkrieg beschädigt wurde. Die Zerstörung jüdischer Kultur durch die Deutschen ziehe sich, so Wehner, als roter Faden durch die Ausstellung des Zweiten Weltkrieges.

Stark beschädigte Torah-Rolle aus Wieluń

 

Ein weiteres Ausstellungsstück, eine zerbrochene Tasse zum hundertjährigen Bestehen der Polnischen Verfassung 1791 – 1891, visualisiert den Angriff auf den polnischen Staat und die Tatsache, dass der Krieg nicht nur gegen die jüdische Kultur, sondern auch gegen christliche Zivilistinnen und Zivilisten geführt wurde. Die Ausstellung verdeutlicht, dass es sich um einen plötzlichen, heimtückischen Angriff auf Polen gehandelt hat, der ohne Kriegserklärung begann und sich von Anfang an auch gegen die Zivilbevölkerung richtete.

 

Zerbrochene Tasse zum hundertjährigen Bestehen der Polnischen Verfassung 1791 – 1891

Die Propagandakompanien wies Goebbels am 2. Oktober 1939 an, „Filmaufnahmen von Judentypen aller Art, und zwar sowohl Charakterstudien als auch Juden beim Arbeitseinsatz“ zu machen. Sie sollten „zur Verstärkung unserer inner- und außenpolitischen antisemitischen Aufklärung dienen“. Der Kurator erklärte uns, dass Joseph Goebbels alle deutschen Soldaten dazu aufrief, möglichst viel zu fotografieren, weshalb bis heute noch viele private Fotos existieren, die den deutschen Überfall auf Polen dokumentieren. Diese Zeugnisse möchten wir sammeln und einige davon in einer Online-Ausstellung zeigen und historisch kontextualisieren. Allerdings wies Herr Wehner uns darauf hin, dass viele dieser Bilder im Verlauf des Krieges zerstört wurden oder im Anschluss verloren gingen. Ab 1942 ging die Zahl der Bilder immer stärker zurück, was zum Teil auf den Materialmangel und die hohen Verluste zurückzuführen sei.

In der Ausstellung werden darüber hinaus verschiedene Themen wie der Luftkrieg gegen England, die Rolle der Marine und der Kriegsverlauf in der Sowjetunion behandelt. In einem Vertiefungsbereich werden einige Facetten des Ersten sowie des Zweiten Weltkrieges einander gegenübergestellt. Darin werden Themen wie Wirtschaft, die Rolle der Frau, Gefangenschaft und Tod behandelt, wodurch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede noch deutlicher hervorstechen.

Nach einer kurzen Pause führte uns Herr Wehner in das Archiv des Museums, zu dessen Bestand auch über 1,5 Millionen Fotografien und zahlreiche weitere Dokumente gehören. Die Sichtung und Einordnung des Materials stellen zentrale Aufgaben des Museums dar. Wir erfuhren wie die verschiedenen Medien- und Dokumentenarten gelagert werden und ihren Weg ins Museum finden. Daraufhin nahm sich der Kurator noch Zeit, um unsere Fragen zur Wehrmacht, zu Uniformen, militärischen Einheiten sowie Dienstgraden und zum Forschungsstand zu beantworten, die bei der Recherche für unsere geplante Online-Ausstellung zum deutschen Überfall auf Polen 1939 aufkamen. Abschließend stellte Herrn Wehner uns drei Fotobestände aus dem Besitz des Militärhistorischen Museums vor. Es handelte sich um zwei gebundene und beschriftete Fotoalben sowie ein loses Fotokonvolut, die den Überfall auf Polen zeigen. Dieses Material wird das Museum dem Projekt „Stumme Zeugnisse 1939“ bzw. der GHWK voraussichtlich im Rahmen einer Kooperation zur Digitalisierung und Erforschung ausleihen.

Wir danken Herrn Dr. Klein und Herrn Wehner sehr für die Anregungen, von denen unser Projekt profitieren wird. Bei der Konzeption und Recherche sind wir mit dieser Exkursion ein großes Stück vorangekommen und freuen uns, die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen.


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