Sonderausstellung: Der Holocaust. Vernichtung, Befreiung, Rettung

Vom 17. April bis 5. Mai 2019 wird in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz die Ausstellung „Der Holocaust: Vernichtung, Befreiung, Rettung“ vom Russischen Forschungs- und Bildungszentrum Holocaust und dem Russischen Jüdischen Kongress gezeigt. Wir dokumentieren das Vorwort für die englische und russische Begleitbroschüre.

 

von Prof. Ilja Altman (Mitvorsitzender des Russischen Holocaustzentrums, Professor für Geschichte und Archivwesen an der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften, Moskau), aus dem Englischen übersetzt von Eike Stegen (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

Die Ausstellung „Der Holocaust: Vernichtung, Befreiung, Rettung“ zeigt bislang unveröffentlichte historische Dokumente und Fotografien, die das Ausmaß und die Besonderheiten des Holocausts in den besetzten Gebieten der Sowjetunion dokumentieren.

Hier begann die völlige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung mit den Mordaktionen der Einsatzgruppen, die gleich nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ins Werk gesetzt wurden. Im Ergebnis trägt der Mord an 2,7 Millionen Juden auf sowjetischem Boden fast zur Hälfte (45 %) zur Gesamtzahl der Holocaust-Opfer bei.

Diese Ausstellung stellt den Versuch dar, mehr Licht auf die Geschichte der Vernichtung und Rettung der Juden in den besetzten sowjetischen Gebieten zu werfen.

Da in Deutschland der Befreiung der jüdischen Gefangenen in den Lager im April 1945 gedacht wird, sind November und Dezember 1941 als Daten der Befreiung und Rettung von Juden ungewohnt – ebenso die Kennzeichnung mit einem fünfzackigen gelben Stern.

Zum ersten Mal wird in dieser Ausstellung die Rolle der Roten Armee und ihres medizinischen Personals bei der Befreiung von Juden in den Ghettos und Todeslagern detailliert geschildert. Das erste Ghetto Europas, in dem Gefangene durch die Offensive der Roten Armee überlebten, befand sich in Kaluga, 150 Kilometer von Moskau entfernt. Die Stadt wurde am 30. Dezember 1941 befreit, und vier Wochen darauf rettete der rasche Vormarsch der sowjetischen Streitkräfte 250 Insassen des Ghettos von Iljino das Leben, die schon zu ihrer Erschießung aufgereiht worden waren.

Im November und Dezember 1941, nach der Befreiung von Rostow am Don und Kalinin (heute Twer), konnten die Juden dieser Bezirkshauptstädte gerettet werden – die meisten Juden Rostows allerdings wurden nach der zweiten deutschen Besatzung im August 1942 doch noch ermordet. 3.000 sogenannte Bergjuden aus Karbadino-Balkarien wurden im Januar 1943 gerettet. Ungefähr 50.000 Juden, die sich in den Ghettos der rumänischen Besatzungszone in der Ukraine befanden, wurden im März 1944 befreit. Fast 94.000 Insassen des Budapester Ghettos überlebten nicht nur dank der Hilfe Raoul Wallenbergs und weiterer schwedischer Diplomaten, sondern vor allem wegen der Befreiung des Ghettos am 18. Januar 1945, während des Kampfes um Budapest.

Zehntausende Juden wurden von Soldaten und Sanitätern der Roten Armee aus den Konzentrationslagern auf dem Gebiet Polens, Deutschlands und der Tschechoslowakei gerettet: Majdanek (im Juli und August 1944 waren sowjetische Dokumentarfilmer und Journalisten die ersten, die über Lagerinsassen berichteten, die in Gaskammern ermordet worden waren), Groß-Rosen (Februar 1945), Sachsenhausen und Ravensbrück (April 1945), Stutthof und Theresienstadt (Mai 1945).

Besonders hervorgehoben wird in der Ausstellung die Rettung der Gefangenen des berüchtigtsten nationalsozialistischen Todeslagers – Auschwitz. Hier starben eine Million Menschen, 90 Prozent von ihnen Juden. Errichtet 1940 als Konzentrationslager nahe der Stadt Auschwitz (polnisch Oświęcim) wurde es seit März 1942 zum Mittelpunkt des Mordes an den europäischen Juden.

Die Blitzoffensive der Roten Armee zwang die Nationalsozialisten Mitte Januar 1945, mehr als 50.000 Gefangene nach Deutschland zu verschleppen. Viele gingen bei diesem Todesmarsch zugrunde. Den sicheren Tod vor Augen wurden 7.000 kranke und geschwächte Häftlinge im Lager zurückgelassen. Die Befehlshaber der Ersten Ukrainischen Front änderten, nachdem sie von der Existenz des Lagers erfahren hatten, den Plan der Weichsel-Oder-Operation und ermöglichten so die Lebensrettung der Auschwitzhäftlinge.

Es ist symbolträchtig, dass mit Fedor Krasavin und Mikhail Grishin, den Russen, Vasily Petrenko, dem Ukrainer, und Petr Zubov, dem Letten, vier Divisionsbefehlshaber gemeinsam direkt an der Befreiung von Auschwitz und seinen Nebenlagern beteiligt waren. Mediziner, die aus dem belagerten Leningrad Erfahrungen mitbrachten in der Behandlung von Mangelernährung, spielten eine außerordentlich wichtige Rolle bei der Rettungsaktion. Die Frontberichterstatter der wichtigsten sowjetischen Zeitungen und die Kameraleute, die einen Dokumentarfilm über Auschwitz und seine Befreiung aufnahmen, waren die ersten, die die internationale Gemeinschaft über dieses nationalsozialistische Verbrechen informierten.

Durch einen Beschluss der UN-Vollversammlung wurde der 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust bestimmt. An diesem Tag wurden 1945 die Gefangenen in Auschwitz befreit. 350 Soldaten der Roten Armee wurden im Kampf um die Stadt Oświęcim und das Lager Auschwitz getötet. Leider ist die Geschichte der Befreiung des Lagers und der Rettung der Häftlinge bei uns und in anderen Ländern weitaus weniger bekannt als die Verbrechen der nationalsozialistischen Mörder.

Deshalb zeigt die Ausstellung nicht nur das Ausmaß und das Gräuel des Holocaust, sondern spiegelt auch das Schicksal der Befreier und der Gefangenen wider, die diese befreiten und retteten, indem Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen präsentiert werden. Unter ihnen sind Otto Frank, der Vater von Anne, der in Auschwitz befreit wurde und der Annes Tagebuch für die Publikation aufbereitete; der berühmte italienische Schriftsteller Primo Levi; der Theresienstadt-Häftling und führende Kopf der deutsch-jüdischen Gemeinschaft Leo Baeck. Doktorin Lidija Tichomirowa wurde zur Vorlage der heldenhaften „Dr. Wera“ im gleichnamigen Roman und im Spielfilm. Sergeant Nikolai Beljaev wurde nach dem Krieg stellvertretender Leiter der Universität Leningrad und einer der führenden Strafrechtsexperten. Das Schicksal von General Fedor Krasawin, dessen Division das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreite und der dafür mit dem Alexander-Newski-Orden ausgezeichnet wurde, ist erstaunlich: Direkt vor und zu Beginn des Krieges war er vier Jahre im Gulag inhaftiert. Offiziell rehabilitiert wurde er 1968, zwanzig Jahre nach seinem Tod.

Die Ausstellung wurde erstmals gezeigt und eröffnet am 25. Januar 2016, in der Staatsduma der Russischen Föderation, in Anwesenheit der Vorsitzenden der Parlamentsfraktionen. Am 20. Januar 2017 wurde sie im Kulturzentrum des Außenministeriums der Russischen Föderation von Außenminister Sergej Lawrow eröffnet. Mit großem Erfolg wurde die Ausstellung in Stadtverwaltungen, Museen, Archiven, Bibliotheken und Universitäten in St. Petersburg, Wolgograd, Wologda, Woronesch, Kaluga, Rostow am Don, Taganrog, Twer und anderen russischen Städten gezeigt.

Um sie im Ausland zu zeigen, entwickelte das Russische Holocaustzentrum eine neue, erweiterte Wanderausstellung. Daran waren aktiv beteiligt: der Präsident des Holocaust-Zentrums, der Mitvorsitzende Alla Gerber, der Leiter des Zentrumsarchives Leonid Terushkin (Kurator der Ausstellung), die Wissenschaftlerinnen des Russischen Holocaustzentrums Maria Gileva (Übersetzung ins Englische) und Svetlana Tichankina (Auswahl der Dokumente, Zusammenstellung der Bildunterschriften). Schüler und Lehrer nahmen einen aktiven Anteil in der biografischen Recherche zu Befreiern, Einwohnern und Bevölkerung der vielen Regionen Russlands.

Pawel Romanow (Moskau) ist der Designer der Ausstellung. Die englische und russische Broschüre ist von Sofia Schawerdowa gestaltet worden (St. Petersburg, Russland – Columbus, USA).

Wir danken Ihnen allen, und zudem gilt unser Dank Prof. Claudio Ingerflom (Argentinien), Dr. Igor Kotler (USA), Dr. Marta Simo (Spanien), Dr. Christina Winkler (Deutschland) und Archivhistoriker Dimitri Alexejew (Russland) für die Unterstützung, die Ausstellung ins Spanische und Englische zu übertragen. Eine besondere Anerkennung gebührt den Leitern der 13 Archive, Fonds und Museen in Russland, Frankreich und der Ukraine, die der Ausstellung ihre Dokumente und Fotografien überließen.

[veröffentlicht am 30.04.2019]

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