Studentisches Praxisprojekt: „Stumme Zeugnisse 1939. Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“

 

Update August 2019:

Die RBB-Sendung „Kowalski & Schmidt“ berichtete am 10. August 2019 über unser Projekt.

Den Beitrag „Der Blick der Deutschen“ finden Sie hier.

 

 

Ein Ausblick auf 2019

von Svea Hammerle (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz), mit Anna Linnéa Herrmann und Marcel Haug (FU Berlin, Masterstudiengang Public History)

Im Wintersemester 2018/2019 startete das Praxisprojekt „Stumme Zeugnisse 1939. Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“. Beteiligt an ihm sind die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sowie sechs Studierende des Masterstudiengangs Public History der Freien Universität Berlin. Das Projekt läuft über zwei Semester und wird als Alternative zu einem klassischen Vollzeitpraktikum anerkannt.

Das Praxisprojekt baut auf der kürzlich veröffentlichten Online-Ausstellung „Digitale Foto-Ausstellung zum deutschen Überfall auf Polen 1939. Aus dem Bestand Kurt Seeligers“ auf. Ziel des Projekts ist es, eine deutlich erweiterte Online-Ausstellung mit privaten Fotografien und Dokumenten zum deutschen Überfall auf Polen zu erarbeiten. Wir hoffen hiermit, den deutsch-polnischen erinnerungspolitischen Dialog fördern zu können. Denn anders als im Nachbarland steht der deutsche Überfall auf Polen vor 80 Jahren im kollektiven Gedächtnis in Deutschland eher im Schatten der darauffolgenden Eroberungs- und Vernichtungskriege, vor allem dem Krieg gegen die Sowjetunion. Dabei begingen Wehrmacht sowie SS- und Polizei-Einheiten bereits in Polen zahlreiche Verbrechen an der einheimischen Bevölkerung und an gegnerischen Soldaten. Erste Massaker, sogenannte Blitzpogrome, bereiteten den Weg zum Genozid an der jüdischen Bevölkerung. Angesichts seines verbrecherischen Charakters – der Historiker Jochen Böhler spricht vom „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ – und im Hinblick auf seine besondere Brutalität, die das deutsch-polnische Verhältnis bis heute beeinflusst, sollte der deutsche Überfall auf Polen 1939 stärker in den Fokus der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gerückt werden.

Private Fotografien, Dokumente, Tagebucheinträge oder Briefe der am Krieg beteiligten oder von ihm betroffenen Personen sind zwar von großer historischer Bedeutung. Sie sind jedoch stumm, solange sie nicht zum Sprechen gebracht werden. Dann können sie Einblicke in die Kriegserfahrungen der deutschen sowie der polnischen Soldaten und der zivilen Bevölkerung Polens geben und somit die Ereignisse des Herbstes 1939 multiperspektivisch aufzeigen.

Die meisten der ikonografischen Fotografien zum deutschen Überfall auf Polen stammten von sogenannten Propagandakompanien. Sie waren Teil der Wehrmacht und hatten die Aufgabe, den Krieg im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda zu dokumentieren. Die zu fotografierenden Motive wurden ihnen oft vorgegeben. So sollten sie zum Beispiel Aufnahmen von deutschen Truppen und Waffen, zerstörtem polnischen Kriegsgerät und polnischen Kriegsgefangenen liefern, hingegen aber keinen gefallenen deutschen Soldaten abbilden. Vor der Veröffentlichung durchliefen die Fotografien noch eine mehrstufige Zensur. Somit sind die Aufnahmen der Propagandakompanien zwar wichtige Quellen zum deutschen Überfall auf Polen, sie bedürfen jedoch einer sorgfältigen quellenkritischen Interpretation.

Bildbestand von Kurt Seeliger

Bilder, die für den privaten Gebrauch gemacht wurden, können aus diesem Grund einen anderen Blick auf den deutschen Überfall zeigen. Jedoch ist hierbei zu beachten, dass die fotografierenden Soldaten seit nunmehr sechs Jahren im nationalsozialistischen Deutschland lebten und (mal mehr, mal weniger) unter dem Einfluss nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda standen. Daher müssen auch diese kritisch analysiert und kontextualisiert und nach Möglichkeit mit Fotos aus polnischer Perspektive kontrastiert werden. Das Projekt „Stumme Zeugnisse 1939. Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten“ will genau dies leisten.

Auf diese Weise wollen wir versuchen, eine einseitige, zum Teil propagandistisch aufgeladene Darstellung des Beginns des Zweiten Weltkrieges aufzubrechen. Mit privaten Fotografien und Dokumenten aus Polen und Deutschland wollen wir einen anderen Blick auf die Kriegsgeschehnisse ermöglichen.

Hierfür benötigen wir Ihre Hilfe!

Wir wenden uns mit einem Sammelaufruf an die Öffentlichkeit: Bitte schicken Sie uns Fotografien und Dokumente vom deutschen Überfall auf Polen (1.9.1939 – 6.10.1939) zu. Unseren Sammelaufruf finden Sie hier. Dieses Material werden wir in den kommenden Monaten historisch erforschen, in den größeren Kontext des Krieges einordnen und der Öffentlichkeit in einer Online-Ausstellung zugänglich machen.

Unser Twitter-Account @stummezeugnisse

Unser Facebook-Account Stumme Zeugnisse 1939

 

 

 

 

 

 

 

Um den Sammelaufruf zu verbreiten, starten wir eine Social-Media-Kampagne. Auf Facebook, Twitter und Instagram werden wir unser Projekt in den kommenden Monaten begleiten, unsere Fortschritte teilen und ausgewählte Fotografien oder Dokumente highlighten. So wollen wir kontinuierliches Interesse für unser Projekt und für die erinnerungspolitische Auseinandersetzung mit dem deutschen Überfall auf Polen generieren. Seinen Abschluss wird das Praxisprojekt mit der Veröffentlichung der Online-Ausstellung zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September 2019 finden.

[veröffentlicht am 10.01.19]

 

Update April 2019:

 

Wir freuen uns bekannt zu geben, dass das Projekt „Stumme Zeugnisse 1939“ nun durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert wird. Wir bedanken uns für die Unterstützung.

 

Außerdem konnten wir das Militärhistorische Museum der Bundeswehr und das Münchner Stadtmuseum als Kooperationspartner für das Projekt gewinnen. Sie stellen uns im Rahmen des Sammelaufrufs weitere Fotoalben zur Verfügung. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.

 

 

 

 

 


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