Tagungsbericht zum 65. Bundesweiten Gedenkstättenseminar: Herausforderungen des Digitalen für Gedenkstätten und Dokumentationszentren

von Svea Hammerle, wissenschaftliche Volontärin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Vom 27. bis 29. Juni 2019 kamen Gedenkstättenmitarbeiter*innen, Archivar*innen, Forscher*innen und Lehrer*innen zum 65. Bundesweiten Gedenkstättenseminar zusammen, um über die Chancen und Herausforderungen „des Digitalen” in der Gedenkstättenarbeit zu debattieren. Veranstaltungsort waren die Arolsen Archives (ehem. International Tracing Services ITS) in Bad Arolsen. In den Worten von Simon Lengemann (Bundeszentrale für politische Bildung), war dies der „beste Ort” für die Veranstaltung, da die Arolsen Archives gerade den Wandlungsprozess vom „verstaubten und verschlossenen Archiv zu einer offenen Institution mit großem Online-Angebot” vollzogen haben.

Die Direktorin Floriane Azoulay betonte bei der Begrüßung die wichtige Rolle der Gedenkstätten mit Blick auf die aktuelle politische Situation, die Zunahme von Rassismus und rechter Gewalt – ein Thema das in diesen Tagen in Hessen durch die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke tragische Aktualität habe. Gedenkstätten müssen sich politisch positionieren und untereinander vernetzten – sowohl annalog als auch digital. Dr. Thomas Lutz (Topographie des Terrors) fasste die unterrschiedlichen Bereiche zusammen, die von der Digitalisierung profitieren können:

  • Sammlungsarchive und Bibliotheken
  • Ausstellungen und der historische Ort
  • Kommunikation mit den Besuchern

Während der dreitägigen Konferenz wurden diese Bereiche in Vorträgen und Workshops aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Den Einstieg machte Dr. Manuel Burghardt (Universität Leipzig), der über Chancen und Herausforderungen des Digitalen für GLAMs im Kontext der Computational Humanities referierte.

Er mahnte an, dass sich die Fachkultur der Geistes- und Naturwissenschaften in Anbetracht des „computational turns” dem Digitalen weiter öffnen müssten. Hierbei sei es auch wichtig, den „Elfenbeinturm” der Geschichtswissenschaften zu verlassenn und historisches Fachwissen praktisch und niederschwellig einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Herausforderrungen sieht Burghardt vor allem auf der technischen Seite: Sowohl für die Digitalisierung als auch die Aufbereitung der (Meta-)Daten bedürfe es häufig externer Dienstleister, die sehr kostenintensiv seien. Als Chancen nannte er vor allem die Bestandssicherung durch Langzeitarchivierung und die Schaffung neuer inhaltlicher Zugänge (wie Augmented und Virtual Reality), die wiederum ein breiteres Publikum anzögen. Denn im Gegensatz zu einer verbreiteten Befürchtung habe sich gezeigt, dass digitale Angebote nicht zum Wegbleiben der Besucher führten, sondern vielmehr als Teaser-Effekt wirkten: Wer sich online die Ausstellung oder das Gelände einer Gedenkstätte ansehen könne, habe ein gesteigertes Interesse, diese auch „in real life” zu besuchen.

Verena Lucia Nägel (Freie Universität Berlin) stellte neue Aspekte des historischen Lernens im Zeitalter des Internets vor. eva.stories, ein israelisches Projekt, das das Tagebuch eines in Auschwitz ermordeten Mädchens über Instagram-Stories vermittelt, laufe Gefahr, den Holocaust zu verkitschen oder zu trivialiseren. Außerdem sei es unklar, ob gerade Jugendliche zu der Abstraktionsleistung fähig seien, zu verstehen, dass das Leben und die kulturellen Praxen der 1940er Jahre sich fundamental von unseren heutigen unterschieden. Die 1,7 Millionen Abbonenten des Instagram Accounts zeigten aber auf, dass diese neuen Vermittlungsversuche auf großes internationales Interesse stoßen.

 

Laut Nägel befinden wir uns inmitten eines erinnerungskulturellen Wandlungsprozesses: Das Ende der Ära der Zeitzeugenschaft markiere den Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächnis, parallel vollziehe sich der gesellschaftliche Prozess des digitalen Wandels. Dies könne positive synergetische Impulse freisetzen. Jedoch dürfe das Digitale nicht als Selbstzweck angesehen, sondern unter Berücksichtigung hergebrachter didaktischer Modelle und themen- sowie zielgruppengerecht genutzt werden. Außerdem müsse die „digital literacy” stärker vermittelt werden – also die Fähigkeit der User, digitale Angebote aufzuschlüsseln und kritisch zu hinterfragen.

Am Nachmittag wurden die Teilnehmenden durch die neue Dauerausstellung, das Digitalisierungszentrum und das Archiv der Arolsen Archives sowie durch die Stadt Bad Arolsen geführt.

 

 

Zum Einstieg in den zweiten Konferenztag erläuterte Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück) in einem sehr dichten und informativen Vortrag die Chancen und Herausforrderungen von Online-Archiven. Der momentane Trend gehe dahin, historische Dokumente online für jeden immer und überall zugänglich zu machen – das akttuellste Beispiel hierfür sind die mehr als 13 Millionen Dokumente über NS-Verfolgung, die im Mai 2019 in einem neuen Online-Archiv (https://collections.arolsen-archives.org/) von den Arolsen Archives veröffentlicht wurden. Dies führe langfristig zur Demokratisierung des Wissens aber auch zur Desintermediation (=Bedeutungsverlust oder Wegfall von Vermittlern zwischen verschiedenen Akteuren) – in unserem Fall zum Bedeutungsverlust der Historiker*innen, die historische Dokumente für die Allgemeinheit aufbereiten und interpretieren. Rass riet dazu, diesen Prozess schon jetzt aktiv mitzugestalten, um zukünftig nicht von ihm überrollt zu werden.

Im Anschluss wurde ein diverses Themenfeld, von Social Media und Geodaten über digitales Gedenken und digitale Zeitzeugeninterviews bis zu Virtual und Augmented Reality, in Workshops thematisiert. In der Arbeitsgruppe „Das Internet als Informationsquelle für historisches Lernen” wurden die Online-Plattform „Lernen aus der Geschichte” und das digitale Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung vorgestellt. Für die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz präsentierte ich die Online-Ausstellung aus dem Bestand Kurt Seeligers und das Projekt „Stumme Zeugnisse 1939”.

Die Gedenk- und Bildungsstätte verfolgt einen quellenbasierten Zugang zur historischen Bildungsarbeit und fördert das „Forschende Lernen“. Das bedeutet, dass wir die Teilnehmenden an Studientagen dazu befähigen wollen, durch die selbständige Analyse historischer Quellen zu eigenen Schlüssen zu kommen. Bei der Arbeit mit Fotomaterial heißt das zu allererst zu lernen, dieses kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. Daher stellen wir in diesen zwei Online-Präsentationen Originalquellen zum deutschen Überfall auf Polen 1939 zur Verfügung, die zusätzlich historisch Kontextualisiert wurden. Die Online-Präsentationen verstehen sich auch als Angebot an Lernende, Multiplikator*innen und Forscher*innen, sich mit dem bereitgestellten Material unter eigenen Fragestellungen zu beschäftigen oder sie in ihrer Bildungsarbeit einzusetzen.

Unsere Projekte stießen bei den Teeilnehmenden (auch bei der Wiederholung des Workshops am Samstag) auf großes Interesse. Sowohl das historische Material an sich als auch dessen digitale Präsentation wurden gelobt aber auch die Hofffnung geäußert, dass die Gedenk- und Bildungsstätte noch eigenes didaktisches Material zu den Quellen erarbeite und zur Verfügung stelle. Außerdem konnten in der Diskussion Kontakte zu weiteren potentiellen Leihgeber*innen sowie zu Forscher*innen geknüpft werden, die an einer Kooperation bei der möglichen Erweiterung der Projekte interessiert wären.

Im Nachmittagsworkshop „Digitale Angebote für die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen” führte Dr. Christian Höschler in das neue Projekt „documentED” (https://arolsen-archives.org/lernen-mitwirken/lernen-mit-dokumenten/documented/) der Arolsen Archives ein: Durch individualisierte Toolkits mit Dokumenten aus ihrem Archiv sollen Schüler*innen besser auf den Gedenkstättenbesuch vorbereitet werden. Dr. Christa Schikorra demonstrierte die Online-Vorbereitungsplatform der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die vorab das Interesse der Schulklassen über zwei Zeitzeugeninterviews und Arbeitsaufträge wecken soll. Sehr inspirierend war der Erfahrungsbericht des Lehrers Bernhard Schütze, der jedes Jahr mit Schüler*innen der Oberstufe des Berthold-Brecht-Gymnasiums Darmstadt eigenständige Forschungsprojekte in lokalen Archiven in Vorbereitung auf eine Dachau-Exkursion durchführt. Deren Ergebnisse tragen die Schüler*innen in ihren Facharbeiten zusammen. Die Arbeitsgruppe kam zu dem Ergebnis, dass die Vorbereitung zwar nötig sei, in der Realität aber trotz verfügbrer digitaler Angebote häufig an der mangelnden Stundenzahl der Geschichtslehrer*innen scheitere.

Zum Abschluss des Tages Stellte Hannes Burkhardt (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) seine fast abgescchlossene Dissertation zum Thema „Geschichte in Internet und Social Media” vor. Er betonte den Lebenswelt- und Gegenwartsbezug der Social Media Platformen, durch den sich Geschichtsthemen leichter vermitteln ließen. Außerdem sei es den Sozialen Medien inhärent, auf den Konstruktcharakter und die Narrativität der Geschichte zu verweisen. Allerdings bestehe die Gefahr, didaktische und museeumspädagogische Grundsätze bei der digitalen Vermittlung zu vernachlässigen. Burkhardt kam zu dem Ergebnis, dass entgegen der gängigen Erwartung, kein fruchtbarer und diskursiver Meinungsaustausch auf Social Media Plattformen zustande käme. Überraschend – und gleichzeitig die Schwächen der universitären Forschungspraxis aufzeigend – war der Umstand, dass die letzten Erhebungen der Dissertation aus dem Jahr 2015 stammten, was gerade bei einer Arbeit zu den sich rasant entwickelnden und kurzlebigen Trends unterworfenen Social Media Plattformen bereits überholt anmutet.

Nach einer letzten Arbeitsgruppenphase am Samstagvormittag, kamen die Teilnehmenden zur abschließenden Podiumsdiskussion zusammen. Vertreter der großen Geschichts-Internetplatformen (LeMo, Wikipedia, BpB) positionierten sich zu der Frage „Eine URL gegen den Geschichtsrevisionismus?” Thomas Krüger führte in den innovativen Zugang der Bundeszentrale für polittische Bildung ein, die Kollaborationen mit Influencern eingeht, da man „Social Media nur auf den eigenen Kanälen” vergessen könne. Ohne die Unterstützung der Influence habe (selbst) die BpB nicht die nötige Reichweite, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen. Oliver Schweinoch (LeMO) versuchte die Angst vieler Einrichtungen vor der Kommentarfunktion, in der womöglich langwierigen Debatten geführt und geschichtsrevisionistische Positionen widerlegt werden müssen, zu lindern. Kommentarspalten seien zwar betreuungsintensiv, jedoch würde ein Teil dieser Arbeit von den Communities selbst übernommen.

Abschließend wurden die Gesamtergebnisse der Tagung ausgewertet. Ganz im Sinne des Tagungsthemas wurde hierfür die App sli.do genutzt. Während der drei Tage waren die Teilnehmenden dazu aufgerufen gewesen, ihre Fragen, Anregungen und Bewertungen in der App zu teilen. Als großer Wunsch stellte sich hierbei die Vernetzung der Gedenkstellen heraus, um auch kleinere Einrichtungen an den Digitalisierungsprojekten und -möglichkeiten teilhaben zu lassen und um wechselseitig von Expertisen profitieren zu können. Einige relevanten Themenfelder waren im Tagungsprogramm zu kurz gekommen, darunter die Barrierefreiheit im Internet, rechtliche Rahmenbedingungen und Lizenzfragen sowie der Datenschutz. Es wurde ersichtlich, dass Historiker*innen sich heute nicht mehr auf ihren geschichtswissenschaftlichen Fähigkeiten und gedenkstättenpädagogischen Werkzeugen ausruhen können, sondern zudem noch Kompetenzen in den technischen Bereichen, im Umgang mit Meta- und Geodaten oder sogar in Programmiersprachen erwerben müssten. Trotzdem wurde das Thema Digitalisierung für Gedenkstätten und Dokumentationsstätten von den meisten Teilnehmenden abschließend als Chance aufgefasst, um sich auch zukünftig in der sich stets wandelnden Erinnerungslandschaft behaupten zu können. Bezeichnenderweise waren in der App sli.do die meistgenannten Antworten auf die Frage „Was verbinden Sie mit dem Digitalen“: Chancen, Kommunikation, Vernetzung und Partizipation.

[veröffentlicht am 31.07.2019]

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