„The Holocaust as a Starting Point“, Konferenz, 3. – 6. Juli 2018, Ljubljana

Fortbildung für slowenische, kroatische und italienische Lehrer*innen in Ljubljana

„The Holocaust as a Starting Point“ – unter diesem Motto plant das Pariser Mémorial de la Shoah in den nächsten Jahren eine Reihe multilateraler Lehrerfortbildungen in Europa. Im Fokus stehen Regionen, deren Gedächtnisdiskurs von geschichtspolitischen Kontroversen oder anhaltenden Tabus rund um die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust geprägt ist. In mehrtägigen Seminaren sollen Geschichtslehrer*innen mit aktuellen Forschungsergebnissen vertraut gemacht werden und sich über didaktische Strategien zur Behandlung schwieriger Themen verständigen können.

Das Mémorial de la Shoah arbeitet dabei mit den jeweiligen Kultus- und Außenministerien sowie mit einschlägigen Partnerorganisationen auf lokaler und europäischer Ebene zusammen, darunter auch die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Ziel ist es, tragfähige Netzwerke zwischen Lehrer*innen, geschichtskulturellen Institutionen und Bildungspolitiker*innen zu schaffen. Auf diese Weise soll der transnationale Austausch über das historische Erbe des 20. Jahrhunderts unterstützt und dessen kritisch-reflexive Vermittlung in der Gegenwart befördert werden.

Vom 3. bis 6. Juli 2018 fand nun ein erstes Seminar für 45 slowenische, kroatische und italienische Lehrer*innen in Ljubljana statt. Auf dem Programm standen zahlreiche historische Vorträge sowie Workshops zu didaktischen und methodischen Fragen. Außerdem wurde eine Führung auf dem „Weg der Erinnerung und Kameradschaft“ angeboten, der den 35 Kilometer langen Stacheldrahtzaun markiert, mit dem die italienischen und deutschen Besatzer die Stadt im Zweiten Weltkrieg abgeriegelt haben. Nicht zuletzt bestand die Möglichkeit, sich mit der ebenso innovativen wie vielseitigen Arbeit des Nationalen Museums für Zetitgeschichte zu befassen, das als Mitveranstalter und Tagungsort fungierte.

Die Vorträge behandelten neben allgemeinen Problemen der Holocaust-Geschichtsschreibung ein breites Spektrum an lokal- und regionalhistorischen Fragestellungen. Detailreich wurde über jüdisches Leben sowie über die Verfolgung und Deportation von Juden und Jüdinnen unter nationalsozialistischer und faschistischer Ägide referiert, wobei immer wieder auch das praktische und ideologische Verhältnis zwischen beiden Regimen diskutiert wurde. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf politischen und rassistischen Maßnahmen unter deutscher und italienischer Besatzungsherrschaft sowie auf Kollaboration und Widerstand. Zuletzt wurden Gewaltexzesse und Grenzverschiebungen nach Ende des Zweiten Weltkrieges thematisiert, die in der Region bis heute nachwirken und für Konflikte sorgen.

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz beteiligte sich mit zwei pädagogischen Workshops an der Programmgestaltung. Im ersten Workshop mit dem Titel „Looking at the Past, Reflecting on the Present?“ habe ich zunächst danach gefragt, ob überhaupt aus der Vergangenheit für die Gegenwart gelernt werden könne, und wenn ja, auf welche Weise. Angesichts der aktuellen politischen Krisen wurde diese Frage erwartungsgemäß sehr kontrovers verhandelt. Nach einer kurzen Einführung in die deutsche Debatte über Gegenwartsbezüge in der historisch-politischen Bildung und Gedenkstättenarbeit habe ich anschließend Materialien zu Flucht und Verfolgung in historischer Perspektive vorgestellt, die jüngst im Haus der Wannsee-Konferenz entwickelt wurden und hier eine fruchtbare Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen historischer Analogiebildungen anregten: Können die jüdische Fluchtbewegung 1933ff. oder die Situation der Displaced Persons 1945ff. in Bezug zur aktuellen „Flüchtlingskrise“ gesetzt werden und wie sollten sich solche Bezugnahmen gestalten?

Ein weiterer Workshop war mit „A Picture is Worth a Thousand Words?“ betitelt und widmete sich dem Einsatz von Fotografien in der historischen Bildung. Im Anschluss an die im Haus der Wannsee-Konferenz erarbeitete Handreichung „Fixiert. Fotografische Quellen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa“ habe ich hier zunächst die Nutzung historischer Fotos zu ausschließlich illustrativen Zwecken problematisiert und nach deren spezifischen didaktischen Qualitäten gefragt. Unter der Aufgabenstellung, den Holocaust als „soziale Praxis“ zu beschreiben, unternahmen die Lehrer*innen daraufhin eine quellenkritische Analyse ausgewählter Fotos und diskutierten deren Gebrauch im Unterricht. Zuletzt entspann sich eine Debatte über die Fallstricke visueller Assoziationen: Wie geht man damit um, wenn Lernende eine Gruppe jüdischer Männer, die 1938 in ein KZ abgeführt werden, mit einer zeitgenössischen Kolonne von Flüchtlingen assoziieren, die von der Polizei bewacht wird?

Dass die Teilnehmer*innen stark unter dem Eindruck aktueller politischen Entwicklungen standen, war der Seminardiskussion durchgängig anzumerken. Der zunehmende Rechtsruck in vielen europäischen Ländern und gegenwärtige Wahrnehmungen von Rassismus und Antisemitismus prägten die Unterhaltung auch bei den Mahlzeiten und in den Pausen. Der Wunsch, dem zunehmenden Nationalismus und Autoritarismus mit einer historischen Bildungsarbeit zu begegnen, die Ambivalenzen aushält und zu demokratischem und menschenfreundlichem Handeln ermutigt, schien allgegenwärtig.

Von daher ist zu hoffen, dass multilaterale Bildungs- und Austauschprojekte wie dieses zu einem europäischen Gedächtnisdiskurs beitragen können, der sich nationalistisch verengten und autoritativ vermittelten Geschichtsbildern sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der methodischen Ebene widersetzt und stattdessen ein kritisch-reflexives Geschichts- und Gegenwartsbewusstsein befördert.

Cornelia Siebeck

[veröffentlicht: 24.07.2018]


Teilen Sie diesen Beitrag


Beliebte Beiträge