„Zwischen Kollaboration und Résistance“

Am 24. Mai 2018 fand in der Französischen Botschaft am Pariser Platz die von der „Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum“ in Kooperation mit der Botschaft und der CIVS (Commission pour l’indemnisation des victimes de spoliations) – der französischen Kommission für die Entschädigung der Opfer von Enteignungen aufgrund der Antisemitischen Gesetzgebung während der Okkupationszeit  – eine spannende Diskussionsveranstaltung unter Leitung von Prof. Günther Morsch statt, bei der Prof. Dr. Mechthild Gilzmer, außerplanmäßige Professorin für Romanische Kulturwissenschaft an der Universität des Saarlandes mit Frau Dr. Frédérique Neau-Dufour, Leiterin des Europäischen Zentrums der deportierten Widerstandskämpfers in Natzweiller/Elsass über die Entwicklung der Erinnerungskultur in Frankreich diskutierten. Beate Klarsfeld hatte leider kurzfristig absagen müssen. Die beiden Diskutantinnen erörterten für das deutsche Publikum die Entwicklungslinien von der Erinnerung an den Kampf der »résistance« und das Leid der »déportations« bis hin zur Frage der „collaboration“, der französischen Beteiligung an der Verfolgung und Deportation der Juden. Erst in den 1990er Jahren, am 16. Juli 1995, hatte mit Jacques Chirac ein Staatspräsident die aktive Beteiligung seines Landes an der Deportation und Vernichtung der französischen Juden ausdrücklich anerkannt.

In Frankreich sind – wie in Deutschland – in den letzten Jahren zahlreiche Museen und Gedenkstätten entstanden, die sich mit der Okkupations- und Kollaborationsgeschichte aber auch mit Fragen der Menschenrechtserziehung befassen. Anfang April hatte ich auf Einladung der Gedenkstätte Les Milles und der Universität Aix-la-Provence hin, anlässlich der Tagung „Extrémismes, Radicalisations, Rapport à la vérité“ (4. – 5. April) (Foto), Gelegenheit eine dieser neuen Gedenkstätten kennen zu lernen und einem internationalen Publikum, spezifische Bildungsprogramme der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz für juristische Berufsgruppen vorzustellen (Foto 4).

Les Milles befindet sich in einer großen Ziegelei in einem Vorort von Aix en Provence. Die Gebäude, in denen noch zum Ende der III. République im Jahre 1939 Zivilinternierte als sog. „étrangers indésirables“ (vgl. Liste der französischen Internierungslager), später dann Exilanten aus ganz Europa, darunter Max Ernst und Lion Feuchtwanger und schließlich Juden, die im südlichen Frankreich aufgegriffen worden waren, untergebracht und oftmals von dort in die Konzentrationslager im Reich deportiert wurden, sind gut erhalten und wurden nach dem Krieg u.a. auch weiter als Ziegelei genutzt. Es bedurfte einer Bürgerinitiative bis hier schließlich 2012 eine Gedenkstätte eröffnet werden konnte, die nicht nur die Geschichte dieses Transit- und Sammellagers thematisiert, sondern sich in besonderem Maße der Verteidigung der Menschenrechte und der Prävention von Genozid und Massengewalt verschrieben hat (Trois étapes du racisme au génocide). Anders als in der deutschen Gedenkstättenpädagogik werden hier die von den Vereinten Nationen anerkannten Genozide nebeneinander gestellt, Vergleichbarkeiten werden analysiert und es wird immer wieder die Frage aufgeworfen, wann und durch wen und mit welchen Mitteln, die Entwicklung, die im Genozid gipfelte, hätte aufgehalten werden können.

Facebook-link https://www.facebook.com/pg/www.campdesmilles.org/posts/?ref=page_internal

Dr. Hans-Christian Jasch
[veröffentlicht: 30.05.2018]


Teilen Sie diesen Beitrag


Beliebte Beiträge